Besondere Kurgäste im Bad Lostorf
Nachdem unsere Redaktion eine Anfrage erreicht hatte, ob sich während des letzten Weltkrieges Flüchtlinge, beziehungsweise Internierte, in unserem Dorf aufgehalten hätten, machten wir uns auf die Spurensuche: Die Anfrage kann mit JA beantwortet werden, die örtliche Quellenlage ist jedoch leider
äusserst spärlich.
Diese Menschen kamen nicht als Touristen. Weshalb waren sie aber dann in der Schweiz, während rund um unser Land der Krieg tobte? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das Rad der Geschichte bis ins Jahr 1939 zurückdrehen: Am 1. September 1939 begann die deutsche Wehrmacht in Polen einzumarschieren. Nach der Kapitulation Polens am 28. September 1939 schlugen sich Tausende polnische Soldaten auf teilweise abenteuerlichen und riskanten Wegen nach Frankreich durch, um sich hier neu zu organisieren und mit der französischen Armee zusammen den deutschen Truppen Widerstand
zu leisten.
Mitte Juni 1940 wurde aber das 45. französische Armeekorps mit der integrierten 2. polnischen Schützendivison im Raum Maîche/St-Hippolyte (südwestlich der schweizerischen Ortschaft Porrentruy in der Ajoie) hoffnungslos eingekesselt. In dieser aussichtslosen Lage wurde unsere Landesregierung ersucht, einer Internierung gemäss Haager-Abkommen zuzustimmen. In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1940 überquerten über 30’000 französische und belgische Soldaten und rund 12’500 Angehörige der 2. polnischen Schützendivision die Schweizer Grenze bei Goumois am Doubs. Ebenso flohen rund 7000 Zivilisten bei Les Verrières in unser Land.
Die Militärpersonen wurden durch die Schweizer Armee entwaffnet und in einer ersten Phase im Raum Saignelégier einquartiert. Nach der Kapitulation Frankreichs kehrten die französichen Soldaten in den ersten Monaten des Jahres 1941 in ihr Land zurück. Die Polen blieben bis zum Kriegsende 1945 in der
Schweiz interniert und wurden in vielen kleineren und grösseren Lagern im ganzen Land untergebracht. Ein Internierter, Jerzy Rucki, dokumentierte die Aktivitäten seiner Landsleute. Er erstellte eine Liste mit gut 500 Orten und Dörfern, in denen polnische Internierte während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten oder lebten. In dieser Aufzählung ist auch unsere Gemeinde erwähnt. Das Stichwort «Internierte» tauchte in den Protokollen des Lostorfer Gemeinderates erstmals im Frühjahr 1941 auf: Die Ratsmitglieder diskutierten damals die Unterzeichnung einer Vereinbarung über den Arbeitseinsatz von Internierten und die Verpfl ichtung der Gemeinde, die Polizeiorgane für die Kontrolle der Internierten zur Verfügung zu
stellen. Der Eintrag endete mit dem Satz: «Um die Abgabe von Internierten an hiesige Landwirte zu ermöglichen, erklärt sich der Rat einverstanden, diese Verpflichtungen einzugehen.» Die Internierten wurden in der örtlichen Landwirtschaft und für Rodungsarbeiten in der Forstwirtschaft (Stichworte Anbauschlacht / Plan Wahlen) eingesetzt.
Im März 1941 hielt der Gemeindeschreiber fest, dass die ursprüngliche Tagesentschädigung bei solchen Einsätzen nebst Kost und Logis von 1 Franken vor kurzem auf Fr. 2.50 für Soldaten und Fr. 3.50 für Offi ziere erhöht worden und dass man mit diesen Arbeitskräften überall im Grossen und Ganzen zufrieden
gewesen sei. Der Hinweis auf Kost und Logis deutet darauf hin, dass die Arbeitskräfte während des befristeten Einsatzes bei Landwirten bei diesen wohnten und verpflegt wurden und erst nach Beendigung der Arbeit wieder ins Lager zurückkehrten.
Ob die Internierten in den Räumlichkeiten des «Alten Bades Lostorf» (abgebrannt am 22. Januar 1966) selbst oder – wie andernorts – in provisorisch errichteten Baracken nebenan untergebracht waren, ist nicht belegt. Spätere Protokollstellen zeigen nur auf, dass für die Küche des Lagers in unseren Nachbargemeinden Kochkessel und Dämpfer angemietet werden mussten. Ende 1943 und in den ersten Monaten 1944 ist in verschiedenen Protokollen eine Diskussion mit diesen Gemeinden erwähnt. Es ging darum, ob vorhandene Schäden an den gemieteten Geräten als Folge normaler Abnützung mit den Mietkosten abgegolten seien, oder eine Reparatur zusätzlich bezahlt werden müsse. Der Gemeindeschaffner (heute Finanzverwalter/in) erhielt den Auftrag, diese Angelegenheit in
Verbindung mit dem zuständigen Territorial-Kommando 4 der Armee zu erledigen. Im Januar 1943 stellte der Kommandant des Interniertenlagers im Bad Lostorf ein Gesuch an den Gemeinderat, «um Überlassung der Turnhalle zur Abhaltung von Turnstunden für die Internierten». Diesem Wunsch wurde
entsprochen. Weil die ursprünglichen General- und Teilmobilmachungen der Armee Mitte Krieg zeitweise zurückgefahren wurden, konnten viele Wehrmänner wieder an ihre Arbeitsstellen zurückkehren. Das Kommando des Internierungslagers im Bad Lostorf gelangte im Oktober 1943 mit der Mitteilung
an den Gemeinderat, «dass Internierte zur Mithilfe bei landwirtschaftlichen Arbeiten abgegeben werden könnten». Ein Gemeinderat stellte daraufhin die Frage, «ob im jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch Interesse für solche Arbeitseinsätze vorhanden sei».
Die genaue Zahl der Internierten ist in den Protokollen nicht festgehalten. Im November 1943 wurde an einer Gemeinderatsitzung von 5 ärztlichen Anzeigen des Sanitätsdepartementes Solothurn über ausgebrochene Krankheitsfälle von Scharlach und Malaria Kenntnis genommen. Gleichzeitig wurde
beruhigend festgehalten, dass keine Ansteckungsgefahr für die Bevölkerung bestehe! Der Gemeindeschreiber schrieb in diesem Protokoll nicht vom Internierungslager, sondern verwendete den Ausdruck «Flüchtlingslager Bad Lostorf».
Ab Mitte 1944 wird in den Protokollen nicht mehr von einem Internierungs- oder Flüchtlingslager, sondern vom (Militär-) Quarantänelager gesprochen. Der Zeitpunkt der Aufhebung dieser Einrichtung ist in den Gemeinderatsprotokollen nicht festgehalten. Ebenso lässt sich nicht herauslesen, wann die internierten Polen unsere Gemeinde verliessen, um an anderen Orten in der Schweiz zum Arbeitseinsatz zu kommen (z.B. beim Bau der Sustenpassstrasse) oder in einem der eigens eingerichteten akademischen Lager zu studieren. Belegt ist, dass nach dem Friedensschluss im Mai 1945 knapp 1000 Internierte in der Schweiz blieben, während die übrigen unser Land wieder verliessen.
Quellen:
Daniel Gutzmann, Archivar des Polish Museum Rapperswil SG / polenmuseum.ch
Protokolle 1940-45 der Einwohnergemeinde Lostorf

